Mission

Hamburg wird Fab City

Im Juni 2019 hat sich die Freie und Hansestadt Hamburg als erste deutsche Stadt der globalen Initiative der Fab Cities angeschlossen, zu der bereits rund 40 Städte bzw. Regionen weltweit gehören.

Ihr Ziel sind Städte, die (fast) alles fertigen können, was sie selber benötigen. Die Stadt geht mit Hilfe von Open-Source-Prinzipien zu einer lokalen Kreislaufwirtschaft über. Darin sollen möglichst viele Bewohner:innen eingebunden sein und so selbst zu Produzent:innen werden. 2054 soll dieser Prozess so weit fortgeschritten sein, dass eine Fab City fast nur noch Daten importiert und exportiert, während die Fertigung weitgehend lokal geschieht.

Um diese Vision für Hamburg voranzutreiben und zu verwirklichen, hat sich die Hamburger Fab-City-Community aus Fab Labs, Makerspaces, Werkstätten, innovativen Start-ups und Forschungseinrichtungen im Oktober 2020 im Verein Fab City Hamburg e.V. institutionalisiert und sich dem globalen Fab City-Netzwerk angeschlossen.

Die Ausgangssituation

Mehrere globale Trends prägen die Gegenwart: der Klimawandel, eine nicht abreißende Ressourcen-Verschwendung, globale Lieferketten, eine weltumspannende Digitalisierung sowie eine massive Veränderung der Arbeitswelt. Diese Trends verstärken sich gegenseitig, und die Corona-Pandemie hat sie seit 2020 noch einmal zugespitzt. Das wird etwa an kritischen Lieferengpässen deutlich. Zugleich zieht es weltweit immer mehr Menschen in die Städte, weil hier die Aussichten, einen Job zu finden, besser sind als in ländlichen Regionen. Derzeit leben bereits 50 Prozent der Weltbevölkerung in Städten, 2050 könnten es nach Prognosen von UN Habitat bereits 70 Prozent sein.

Städte oder verstädterte Regionen wirtschaften bislang aber nicht nachhaltig: Ihr Anteil an Treibhausgas-Emissionen und Ressourcen-Verbrauch sehr hoch ist. Sie sind die Knotenpunkte eines globalisierten Konsums und weltweiter Datenströme, die immer mehr Energie verschlingen.

Darin liegt allerdings auch eine Chance: Denn während die internationale Staatenwelt in der Umwelt- und Klimadiplomatie nur schleppende Fortschritte erzielt, lassen sich in Städten die Weichen für eine nachhaltige Zukunft deutlich leichter stellen. Mehr noch: Städte sind die Orte, an denen weltweit bereits Alternativen zur bisherigen Art der Globalisierung mit all ihren bekannten Problemen erprobt und bereits gelebt werden. Genau hier setzt also das Konzept der Fab City an. Als Katalysatoren können wir die Wirkung von Städten in wirtschaftlichen, soziokulturellen und ökologischen Dimensionen erheblich beschleunigen und steigern. Wir befördern so eine nachhaltige Entwicklung, die das Leben in den Städten lebenswert macht.

Das Konzept der Fab City

Vereinfacht gesagt, ist eine Fab City eine Stadt, die (fast) alles, was sie benötigt und verbraucht, zunehmend selbst herstellt. Fernziel der globalen Fab-City-Initiative ist, bis 2054 den Übergang zu einer open source-basierten Kreislaufwirtschaft auf dem Gebiet einer Stadt oder Region zu schaffen. Es würden dann nur noch Datensätze importiert und exportiert – Energie, Rohstoffe, Materialien, Halbzeuge und Produkte hingegen würden im Stadtgebiet selbst zirkulieren, wiederverwertet und neu zusammengesetzt werden. Die Wirtschaft geht also vom heutigen PITO-Modell, für „Products In – Trash Out“ (Produkte importieren, Müll exportieren), zum DIDO-Modell, für „Data In – Data Out“ (Daten importieren, Daten exportieren), über.

Source: https://github.com/fabcity toolkit/visual_assets/FabCity-Visual Assets_Page_1.jpg

Das wäre erstens ökologisch nachhaltig, weil die Stadt ihren Ressourcenverbrauch und Treibhausgas-Ausstoß besser selbst steuern kann.

Es wäre zweitens wirtschaftlich nachhaltig, weil sie lokale Wertschöpfung fördert und nicht mehr von globalen Lieferketten für Produkte und Rohstoffe abhängig ist.

Und es wäre drittens sozial nachhaltig, weil die Stadtbewohner:innen nicht mehr zuerst Konsument:innen andernorts produzierter Dinge sind, sondern näher an der Wertschöpfung stehen – was wiederum den sozialen Zusammenhalt der Stadt stärken kann. Mehr noch, die Kreativität und Selbstwirksamkeit einer gesamten Stadtgesellschaft kann sich in einem bisher nicht gekannten Maße entfalten.

Dass die Fab City keine reine Utopie ist, liegt an mehreren Entwicklungen. Es ist immer mehr offene Technologie in Form von offen lizenzierter Hardware und Software verfügbar. Offen bedeutet in diesem Kontext, dass die Dokumentation zu Design- und Konstruktionsplänen sowie Softwarecode für alle frei zugänglich und nutzbar sind. Diese Offenheit senkt zunehmend die Anschaffungskosten für Produktionsmittel und immer mehr Menschen und Organisationen können sich benötigtes technisches Know-how aneignen. Die Digitalisierung und Vernetzung von Fertigungsinfrastruktur ermöglicht wiederum, Dinge nicht mehr an wenigen Orten in Massenproduktion, sondern verteilt und dezentral nach lokalen Bedürfnissen herzustellen. Die relevanten Datensätze für die Herstellung lassen sich global austauschen und an die lokalen Bedürfnisse anpassen. Mit Maker Spaces, Fab Labs und Open Labs sind in den vergangenen Jahren erste Prototypen für lokale Produktionsorte entstanden, an denen sich viele Akteur:innen an der Herstellung von Gütern beteiligen können. Diese offenen Produktionsorte können zusammen mit Handwerk und Unternehmen zu einer neuen, dezentralen Infrastruktur im gesamten Stadtgebiet weiterentwickelt werden.

Die ersten Schritte bis 2024

Der Fab City Hamburg e.V. will bis 2024 möglichst viele für das Konzept relevanten Akteur:innen vernetzen und erste Grundlagen für eine künftige Fab City schaffen. Hierfür koordiniert er folgende Maßnahmen:

  • Die Entwicklung und Verbreitungdes Betriebssystems für die globale Fab City-Initiative „Fab City OS”. Fab City OS (FCOS) umfasst Software, die das Fab City-Produktionssystem, der Open Source Kreislaufwirtschaft (OSK), so effizient machen soll, dass sie die herkömmliche proprietäre und lineare Ökonomie verdrängt. Dabei teilen wir die OSK in Phasen auf, die sich von der global verteilten Entwicklung, über die lokal verteilte Fertigung bis zur sortenreinen Trennung der Materialien erstrecken. Diese werden jeweils durch spezifische FCOS-Module getragen. Darüber hinaus bündelt und verbreitet der FCHH Software unter dem Namen “Software Kit”, die die Verbreitung der Nutzung von FCOS unterstützt. Das Prinzip der föderierten Software-Architektur wird durchgehend angewandt. Der FCHH entwickelt und verbreitet FCOS und das Software Kit in enger Abstimmung mit der Fab City Foundation. Mehr zu FCOS und dem Software Kit findet sich hier.
  • Die Unterstützung und Weiterentwicklung von Fab Labs/Makerspaces. In Hamburg sind in den 2010er Jahren bereits fünf solche offenen Werkstätten aufgebaut worden, weitere sollen eröffnet werden. Sie sind die Schnittstelle zur Zivilgesellschaft, vermitteln niederschwellig Know-how für eine digitale Fertigung (etwa über Workshops) und bieten Erfinder:innen die Möglichkeit, erste Prototypen einer potenziellen Innovation herzustellen. Sie sind zugleich Weiterbildungsorte für Citizen Education und Labore für eine Citizen Innovation. Zudem sind sie Treffpunkte für Communities in den Stadtteilen und haben eine Strahlkraft in ihre Viertel, sodass sie sich langfristig zu ”Orten des gemeinsamen Machens und Wirkens” entwickeln.
  • Den Aufbau eines Fab City Hauses als Prototyp für künftige Produktionsorte, die Produkte und Maschinen in bedarfsorientierten Kleinserien fertigen können. Im Fab City Haus wird das Open Lab Starter Kit entwickelt und produziert, ein Satz von digitalen Open Source-Fertigungsmaschinen (bestehend u. a. aus 3D-Drucker, Lasercutter, CNC-Fräse), die neue Labs als Grundausstattung übernehmen können. Im Fab City Haus werden exemplarisch kreislauffähige Produkte und lokale Fertigungsmethoden erforscht und entwickelt, unter anderem für Metall, Kunststoffe und nachwachsende Rohstoffe wie Holz und Textilien.
  • Das „Fab City Incubator“-Programm. In den bereits bestehenden Labs sowie in stadtweiten Ideenwettbewerben sollen Produktideen für eine Kreislaufwirtschaft identifiziert und bis zur Prototypenreife gebracht werden. Anschließend werden sie zur Entwicklung eines Geschäftsmodells an ein lokales Beratungsnetzwerk übergeben. Die Produktdesigns werden zudem auf Fab City OS publiziert. Diese Publikation auf Fab City OS fördert die global verteilte Entwicklung der Produkte einer Fab City.
  • Die Entwicklung und Umsetzung eines Workshop-Programms, um mehr und mehr Hamburger:innen an die Möglichkeiten der digitalen Fertigung heranzuführen. Diese Workshops werden überwiegend in den Labs veranstaltet. Sie richten sich an Anfänger:innen, fortgeschrittene Maker:innen und Unternehmen. Der Fab City Hamburg e.V. selbst organisiert die Workshops, etwa zum Bau des Open Lab Starter Kits oder zu neuen Produktdesigns.
  • Die Erstellung eines Fab City Index für Hamburg nach dem Vorbild des Indexes der Fab City Paris. Für den Index werden Daten über die Produktionskapazitäten der Hamburger Wirtschaft sowie über die vorhandenen Recyclingkapazitäten gesammelt, um sowohl Lücken als auch Potenziale auf dem Weg zur Fab City zu identifizieren.

Werte und Leitlinien

  • Open-Source-Prinzip: Wo immer es möglich ist, setzen wir offene Technologien ein, die Codes und Konstruktionen frei zugänglich machen.
  • Datensouveränität: Daten sind Commons, also Allgemeingut.
  • Transparenz: Produktions- und Recycling-Prozesse werden so dokumentiert, dass alle Bürger:innen diese nachvollziehen können.
  • Inklusion: Die Orte und die Prozesse der Fab City sind offen für alle, ungeachtet ihres sozialen Status oder ihrer Herkunft; mehr noch, wir setzen uns dafür ein, dass alle Bürger:innen sich das für die Fab City nötige Knowhow aneignen können.
  • Nachhaltige Entwicklung: Darüber hinaus orientiert sich Fab City Hamburg e.V. auch an den Zielen für eine Nachhaltige Entwicklung der Vereinten Nationen.



Hamburg, im Februar 2022